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Der Literatur- und Theaterkurs am Robert-Bosch-Gymnasium zeigt
Spielszenen zu einem Gedicht von Bertolt Brecht










Fotos: Schweizer

1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt' ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

(Bertolt Brecht)


"Ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer..."

So schwach ist die "Erinnerung an die Maria A." von Bertolt Brecht. Weder Augen, noch Haar oder gar Charaktereigenschaften des Mädchens, das er doch immerhin gehalten und geküsst hat, sind dem Sprecher im Gedächtnis geblieben. Nur die weiße Wolke, die am Himmel war, ist erinnerlich: Die Liebeserfahrung wird reduziert (oder sublimiert?) in einem Symbol.
Recht abgeklärt klingt der Text, dabei ist Brecht, als er dieses Gedicht schreibt, gerade einmal 21 Jahre alt. Mit der Augsburger Realschülerin Marie Amann hat er sich zu dieser Zeit getroffen und so öffentlich seine Liebe zu ihr gezeigt, dass das Mädchen fast aus der Schule geworfen worden wäre und ihn nicht mehr sehen darf. Während ihm Marie noch nachtrauert, erwartet bereits ihre Freundin ein uneheliches Kind von Brecht. In diesem Gedicht spricht also ein Don Juan, einer, der von einer Frau zur anderen zieht. Die Literaturwissenschaft hat Brecht als solchen angeklagt und berechtigt darauf aufmerksam gemacht, dass sich hinter seinem Namen ein ganzes weibliches Kollektiv verbirgt.

Auch unser Kurs hat den Sprecher des Gedichts zunächst als Macho gesehen. Er bringt die Frauen zur Verzweiflung, sie heulen mehr oder weniger aggressiv, auf deutsch, türkisch oder russisch. Nur eine andere Stimme steht daneben: Er kam immer wie aus einer anderen Welt. Ein Künstler. Kein Mann, von dem frau erwarten sollte, dass er sie im Alltag glücklich macht. Aber einer, der vielleicht für wenige Stunden etwas anderes als den Alltag erleben lässt: Freiheit, die Welt anders zu sehen. Freiheit, andere Dinge in der Welt zu leben als diejenigen, die so in die Sicht der anderen passen. Freiheit, so zu sein, wie man ist.
Unser Spiel mit dem Text rehabilitiert den Don Juan, geht über die Verurteilung seines Tuns hinaus und sieht ihn als Künstler, der sich die Freiheit nimmt, jenseits von gängigen Vorstellungen zu leben und sich auszudrücken.

Kerstin Grevel


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Robert-Bosch-Gymnasium Langenau - 15.07.2010
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