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Nachruf auf Dr. Karl Imberger
 

Dr. KARL IMBERGER

ist am 3. 8. 2000 gestorben

Schulleiter von 1952 bis 1977

Dr. Karl Imberger kam 1948 an die Oberschule Langenau, zu einer Zeit als materielle Not und Hunger herrschten und es keine Schulmaterialien für die 156 Schüler und drei Lehrer gab. 1952 wurde er Schulleiter als Nachfolger von Martin Kache, und als er 1977 im Alter von fast 66 Jahren in Pension ging, war die Schule ein seit 1972 voll ausgebautes, in jeder Beziehung modernes Gymnasium mit ungefähr 750 Schülern.

Dr. Imberger war eine echte Vaterfigur, ein Schulleiter, der sich um jede Kleinigkeit kümmerte und dem jeder seiner Schüler am Herzen lag. Mit Strenge, aber auch Liebe erzog er "seine" Kinder.

Dr. Imberger ist am 23.12.1911 in Jaffa/Palästina geboren, wohin seine Urgroßeltern ausgewandert waren, um in einer pietistischen Templergemeinde leben zu können. Die Familie betrieb Orangenplantagen und Weinberge.

Dr. Imberger kam nach Deutschland, um in Tübingen zu studieren. Nach dem Krieg konnte er nicht nach Palästina zurück, da die deutschen Templer nach Australien deportiert worden waren und nicht mehr zurück durften. Inzwischen hatte Dr. Imberger aber eine Ulmerin geheiratet, so dass er sein Leben in Ulm verbrachte, sein ganzes berufliches Engagement aber Langenau schenkte.

Effi Schweizer





Aus der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule 1995

LEHRER MIT LEIB UND SEELE

Er hat die Sonne Palästinas gegen den Nebel von Langenau eingetauscht. Er hat ein wahrhaft abenteuerliches Leben geführt, bis es ihn nach Langenau verschlug. Und ausgerechnet Langenau hielt ihn fest - 29 Jahre lang, bis 1977. Er ging keinen Tag früher in Pension als er unbedingt mußte. Heute ist er 84 Jahre alt und sieht noch genauso aus wie damals. Und er wohnt immer noch mit seiner Frau zusammen in seinem Haus in Ulm.

Natürlich hat es jeder Ehemalige längst erraten: es kann sich nur um Dr. Karl Imberger handeln, der das Langenauer Gymnasium bis 1977 leitete. Wenden wir uns zunächst dem jugendlichen Weltmann und "Abenteurer" zu. 1869 war sein Urgroßvater aus Freudenstadt nach Palästina ausgewandert, wo der Sohn des Gründers von Korntal mit 2000 Pietisten Templersiedlungen in drei Städten und landwirtschaftliche Siedlungen gründete. Im 1. Weltkrieg wurde der kleine Karl mit den andern in ein Internierungslager in Ägypten gesteckt, drei Jahre später unter gefährlichen Umständen auf einem Kohledampfer nach Deutschland gebracht. Dort residierten sie im Schloß von Bad Mergentheim. 1920 konnten die Templer dann zurückkehren nach Palästina und ihre verwüsteten Orangenplantagen, Felder und Weinberge wieder herrichten. So hatte er seine mehrfach unterbrochene Schulzeit in Ägypten, dann in Deutschland und schließlich in Palästina immer wieder mit der 3. Klasse neu aufgenommen. Das Gymnasium besuchte er in Jerusalem. Um das deutsche Abitur zu bekommen, mußte er die Oberprima aber in Stuttgart besuchen. Dort legte er dann 1932 das Abitur ab. Das Studium führte ihn nach Tübingen, Berlin und Königsberg.

Im 2. Weltkrieg wurden die Zivilisten seiner palästinensischen Gemeinde nach Australien deportiert, wo die meisten nach dem Krieg blieben. In den neu gegründeten jüdischen Staat durften sie nämlich nicht zurückkehren. Da die Templer aber nie die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben hatten, wurde Dr. Imberger eingezogen und kämpfte als Soldat auf dem Balkan und in Rußland. Bei Kriegsende schlug er sich auf abenteuerliche Weise nach Ulm durch, wo seine Frau wohnte, die er beim Studium in Tübingen kennengelernt hatte. Sie gehörte zu den damals wenigen Frauen, die nicht nur studiert, sondern sogar promoviert haben.

Kann man nun sagen, daß Dr. Imberger in Langenau zur Ruhe kam? Wohl nur, wenn man an den häufigen Ortswechsel denkt. In den 29 Jahren, in denen Dr. Imberger diese Schule geprägt hat, hat sie eine enorme Entwicklung durchgemacht. Als er 1948 nach Langenau versetzt wurde, bestand die Schule aus drei Lehrern, 156 Schülern und fünf Klassen, die in zwei Räumen im Erdgeschoß des Altbaus unterrichtet wurden. Dazu stellte ihnen die Gemeinde an drei Tagen in der Woche einen Gasthaussaal zur Verfügung. Man habe die fünf Klassen in Schichten unterrichtet, erzählt Dr. Imberger, nur Mittwoch und Samstag nachmittag sei er zu Hause gewesen, viele Überstunden hätten Herr Kache, Fräulein Thumm und er damals gegeben, man habe mit der schwierigen Situation eben fertigwerden müssen. Die beiden hätten den Sprachunterricht und Geschichte versorgt und er die Naturwissenschaften und Mathematik. Turnen, Zeichnen und Handarbeit seien von Lehrern der Volksschule gegeben worden. Viel Zeit und Einfälle kostete es auch die drei Lehrer, ihr Unterrichtsmaterial selbst herzustellen, denn Bücher und Materialien gab es damals kaum. Die Bücher aus der Nazizeit durften ja nicht mehr verwendet werden. Auch das Geld zur Anschaffung fehlte. Für den Physik- und Chemieunterricht waren kaum Geräte vorhanden. Zum Glück hatte Dr. Imberger vom Studium her noch eine große Kiste mit Materialien. Aber die Biologiesammlung verfügte doch immerhin schon über ein Wespennest, das die "eigenen" Wespen im Abort des Feuerwehrhauses gebaut hatten. Das Feuerwehrhaus war neben der Schule, wo heute der Erweiterungsbau steht. Dort wohnten auch die Hausmeister, Ernst und Wilhelmine Pfeifer. Immerhin besaß die Schule schon einen Hausmeister!

Das Putzen blieb den Lehrern also erspart, es gab andere Aufgaben für sie. Und dazu gehörte in jenen Zeiten des Aufbruchs auch die Essensausgabe. Dr. Imberger erinnert sich noch genau, wie er oft helfen mußte, die Hoover-Schulspeisung auszuteilen, die nach dem Kriege die Amerikaner den hungernden deutschen Schülern gaben. Martin Kache ging 1952 in Pension, und so wurde Dr. Imberger Schulleiter. Im mittleren Klassenzimmer im Erdgeschoß des Altbaus war der hintere Teil durch eine leichte Bretterwand abgetrennt. Dieser Verschlag war Lehrerzimmer und Rektorat. An eine Sekretärin mit Schreibmaschine war natürlich nicht zu denken. Aber Dr. Imberger hatte doch immerhin ein private Schreibmaschine. Und so stürzte sich Dr. Imberger auch gleich ins meist handgeschriebene Aktengewühl - und wurde fündig: aus den dunklen Ecken des Kohlenkellers zog er ein Durcheinander völlig verstaubter Zeugnislisten hervor, putzte und ordnete sie - zum Glück für so manchen Ehemaligen, denn in den Wirren des Krieges waren viele Abschlußzeugnisse verloren gegangen, die nun dringend wieder gebraucht wurden. Im Krieg war das Schulhaus zur Krankenstation umfunktioniert und im Wege liegende Akten in den Keller geworfen worden.

Gegen das Rauchen hat er viele Jahre lang gekämpft. Geärgert hat er sich nämlich darüber schon in der Nachkriegszeit. Wer erinnert sich nicht wehmütig an die schönen alten Schreibpulte mit den Tintenfäßchen und den Klappsitzen. Dr. Imberger erinnert sich nur mit Schrecken. Schuld daran sind die Raucher. Fertige Tinte, so berichtet Dr. Imberger, gab es damals nicht. Er habe also jeden Abend die Tinte für die Schüler mit Tintenpulver angerührt und in die in den Pulten eingelassenen Tintenfäßchen gefüllt. Und dann seien abends die Vereine gekommen, und die Raucher hätten Asche und Zigarettenkippen in die gefüllten Tintenfäßchen gestopft.

Der Kampf um mehr Lehrer, Schüler und Klassenräume sollte nun sein Leben bis zur Pensionierung beherrschen. Es sei in den ersten Jahren, berichtet Dr. Imberger, ein hartes Stück Arbeit gewesen, die hauptsächlich von der Landwirtschaft geprägte Bevölkerung in und um Langenau vom Wert einer höheren Schulbildung zu überzeugen und davon, daß auch Mädchen eine gute Bildung brauchten, ob sie nun heiraten würden oder nicht.

Mit der steigenden Schülerzahl begann aber Dr. Imbergers Kampf um Klassenräume. Schließlich bekam die Schule noch einen Raum im Goldenen Ochsen, im Museum und einen Kellerraum im Gemeindehaus. Dann endlich wurde der Pavillon mit zwei Räumen auf den Schulhof gesetzt.

Auch mit dem Gemeinderat habe er harte Kämpfe ums Geld geführt. Die meisten Gemeinderäte seien damals noch Landwirte gewesen. Eines Tages habe er einem erzählt, daß sein Vater auch Landwirt in Palästina gewesen sei und er selbst das Handwerk gründlich beherrsche. "Ja, wenn wir das gewußt hätten ...!" sei die Reaktion gewesen. Und von da an habe er mehr Geld für die Schule bekommen.

Was war nun der Höhepunkt in seiner Tätigkeit als Schulleiter des Langenauer Gymnasiums? War es der Einzug in den Neubau im Jahre 1972? Man könnte das erste Abitur der frischgebackenen Vollanstalt 1973 vermuten. Nein, meint er, man sei eigentlich langsam und wie selbstverständlich in die modernen Zeiten hineingewachsen. Dr. Imberger findet keine Antwort auf die Frage. Er denkt auch noch etwas wehmütig an die Zeiten zurück, in denen er zu den wenigen Lehrern und Schülern ein enges Verhältnis hatte, als er noch am Privatleben seiner Lehrer teilnahm, Ratschläge erteilte und geholfen hat, eine Ehe zu stiften. "Ich war immer gern Lehrer", so faßt er die ganzen 29 Jahre zusammen. Und daß er Lehrer mit Leib und Seele war, das spürte man. Er war eine echte Vaterfigur, dem das Wohl der Kinder am Herzen lag.

Effi Schweizer


Robert-Bosch-Gymnasium Langenau - 27.09.2000
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