|
Startseite: Infos:
Termine: Fächer &
AGs: Schüler & Lehrer: Ehemalige:
SMV: Kontakt | ||
|
Die Schriftsteller Ilija Trojanow und José F. A. Oliver lesen im Langenauer Gymnasium | ||
|
|
Am 31.01.07 und am 1.02.07 fand im Rahmen des Aktionstags gegen Gewalt und Rassismus, der in Langenau und allen Langenauer Schulen seit mehreren Jahren mit kulturellen und politischen Veranstaltungen begangen wird, eine Lesung von José Oliver und Ilija Trojanow statt. Ermöglicht wurde die Lesung durch den Friedrich-Boedecker-Kreis, organisiert wurde die Lesung von drei Schülerinnen und Schülern des Deutschkurses der Jgst. 12 von Frau Gullo. Der entsetzliche Überfall von Rechtsextremen vom Samstagabend hier in Langenau zeigt uns, wie dringend notwendig es ist, sich gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit zu engagieren und aktiv für eine gerechtere, demokratische Kultur und Gesellschaft einzutreten. Und genau dies ist eines der Anliegen der beiden großartigen Autoren. Die Lesung am Mittwochabend wurde von den beiden Autoren - zum ersten Mal - als Gespräch abgehalten, von dem auch sie vorher nicht wussten, wohin es sie führen würde. Die Zuhörer im Pfleghof folgten ihnen durch Gedichte und Passagen aus dem "Weltensammler", genossen eine im amüsanten und spritzigen Plauderton abgehaltene, dennoch immer ernsthafte und ausgesprochen kluge Lesung. Die Lesung am Donnerstag war den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe vorbehalten. Hier wurde die Lesung wieder im "traditionellen" Stil, nicht weniger ansprechend und begeisternd abgehalten. Im Anschluss an beide Veranstaltungen nahmen die Autoren sich ausnehmend viel Zeit, Fragen zu beantworten. Gemeinsam ist beiden Autoren, dass sie den Chamisso Preis erhalten haben, ein Preis der an nichtdeutsche Autoren verliehen wird. Beide Autoren schreiben unter anderem in Deutsch. Trojanow: "Deutsch hat für mich eine größere Flexibilität als Englisch. Es ist prall, sinnlich, mystisch, anderseits trocken und genau." Beide Autoren führen uns mir ihren Werken über die Grenzen Deutschlands, aber auch des Gewohnten, des Fassbaren, in die Weite und das Geheimnisvolle fremder Länder und Kulturen, vertrauter Worte in neuen Zusammenhängen, wie schon der Titel „feinlautmetz“ von Oliver verrät. Wir werden gezwungen bisher gewohnte Kategorien über den Haufen zu werfen, weniger in Schubladen zu stecken - so in der Diskussion, ob Burton nun "richtig" konvertiert ist oder nicht. Auch die Lyrik Olivers lässt sich nicht einfach erschließen und fast mathematisch aufgeschlüsselt interpretieren, nach dem, was im Deutschunterricht an methodischem Handwerkszeug vermittelt wird und im anschließenden Gespräch zu einer Kritik am herkömmlichen Deutschunterricht wurde, der einige Anwesende durchaus zustimmen konnten. Olivers Gedichte muten uns zu, sie nicht intellektuell fassen zu können, so dass sie Frage bleiben. Ihre musikalische Sprachgewalt zeigte der Autor durch seinen beeindruckenden Vortrag, in dem die Gedichte gelesen und gesungen wurden. Weinreich hat in seiner Laudatio zur Verleihung des Chamisso Preises an Oliver die Zeit nach dem Mauerfall die "graue" Phase in Olivers Werk" genannt. - Das Aschengrau verbrannter Ausländerwohnstätten - wird ihre dominante Farbe. Auch die Erinnerung an Auschwitz mischt sich in diese beklemmenden Bilder. Ich möchte hier ausdrücklich betonen, dass ein Mann wie José Oliver, der dieses Deutschland weiterhin sein "mein-land" nennt, das Recht und vielleicht sogar die Pflicht hat, uns einheimische Leser nicht nur mit schönen und beschönigenden Bildern zu beschenken. Auch der Holocaust, die nicht zu vergessende Shoah, gehört zu den Themen, die nicht nur vorkommen dürfen, sondern mit Leidenschaft ergriffen werden müssen, da die notwendige Erinnerung an diese Katastrophe unserer Geschichte nur mit Kunst und Literatur wachgehalten werden kann." Andalusischer Herkunft wurde Oliver 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren und lebt dort als freier Schriftsteller. Er wuchs mehrsprachig auf, ein andalusischer Schwarzwälder, und schon früh bekam er durch die Wiegenlieder seiner Mutter, von denen sich seine Lyrik beeinflusst und geprägt zeigt, die Poesie Lorcas ins Ohr und die Seele gesungen. Für mich ist Oliver kein Poet, er ist Poesie. Beiden Autoren eigen
ist die Neugier auf das Fremde, und die Fähigkeit, Erfahrung Sprache und
Poesie werden zu lassen. (Aus dem Tagebuch Olivers als einer von sechs deutschen Stadtschreiber in der Arabischen Welt.) Auch Ilija Trojanow führt uns mit seinen Büchern, exemplarisch sei hier nur Der Weltensammler genannt, durch die Welt. Über ihn zu schreiben und zu reden,
fällt schwer. Nicht nur, weil es über ihn so viel zu sagen gäbe, sondern
weil man sich scheut, Begriffe auf ihn anzuwenden, die starr sind und in
Kategorien festlegen, was nicht festgelegt sein kann und will. Und genau
darum geht es auch im Weltensammler. Der enorme Erfolg dieses Buches lässt sich vielleicht auch damit erklären, dass Trojanow den Nerv der Zeit getroffen hat, den Wunsch vieler Menschen dem Festgelegten zu entkommen, die Vitrinen wieder zu öffnen und die Welt und das Leben wieder als Geheimnis begreifen zu können, Gegensätze zu überwinden. Trojanow: "Aber ich bin überzeugt, dass ein Geheimnis manchmal mehr ausdrückt als eine Erklärung. Das Geheimnisvolle hat seinen eigenen Erkenntniswert. Erklärungen hingegen sind oft schiefe Verknappungen, Oberflächlichkeiten." Auch Trojanow selbst entzieht sich jeder Kategorisierung und genau das macht ihn so faszinierend und so notwendig für unsere Kulturlandschaft. Geboren in Bulgarien, geflohen nach Deutschland, Schulbesuch in Kenia, Leben in Indien, Pilgerfahrt nach Mekka, Aufenthalte in fast jedem Land der Erde - und dennoch bezeichnet er sich nicht als Nomade: "Jemand, der Bücher kauft, ist kein Nomade." Christiane Gullo | |